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Arme Ritter

o! - Also nein! - Nicht wirklich! - So hat er sich das ehrenrühmliche Ritterdasein nicht vorgestellt, der Herr von Stein.

Gern wäre er, seine edlen Zeichen stolz im farbigen Schilde führend, mit schnaubendem Ross im fliegenden Galopp durch Wald & Flur einher geprescht.

Gern hätte er das blanke Schwert vom bergenden Leder gezogen & eifrig mit wuchtigem Schwung über grimmender Feinde Helme geschlagen.

Gern hätte er aus wichtigtuerischer Eitelkeit vor den üppig besuchten Schaukämpfen viel zeremoniellen Aufhebens von seinen auf den Boden gelegten Waffen gemacht, um mit theatralischer Pose mächtig zu beeindrucken.

& erst der Tjost !!!

Gern würde er für ein minnigliches Fräulein die schleierum-bundene Lanze am harten Schild eines in die hölzernen Schranken Gewiesenen brechen, ihn übertreffend mit lautem Krachen ausstechen, den im Kräftemessen Scheiternden aus der Kampfbahn werfen.

Gern hätte er, an einem volksumjubelten Turnier teilnehmend, mit wohlgeführter Lanze einen in Harnisch gebrachten Widersacher aus dem ledernen Sattel entsetzt, um ihn anschließend habgierig & beutefordernd zu entrüsten.

Gern hätte er, auf wilder Hatz mit kläffender Meute, Aug' in Aug' einen verbiesterten Keiler erlegt, rabiat den blitzenden Speer in den borstigen Wanst der grantigen Furie gestoßen, auf daß unter quietschendem Gebrüll kummerschweres Blut, waldigen Humus benetzend, still versickerte.

& was jetzt? - Eigentlich?

Nun hockt er da, der arme Herr,
& machte Gedanken sich gar schwerr!

Nun hockt er da, der arme Herr,
auf einem Schemel,
vor einem Tisch,
an eine Wand gelehnt,
neben einer Truhe,
gegenüber einer Tür,
unter einer Treppe,
in einem Turm,
mit griesigem Gram,
& macht Gedanken sich gar schwerr!

Nun hockt er da, der arme Herr,

auf einem Schemel,

dessen abgeschliffene Sitzfläche von vier gedrechselten Beinen tapfer in angemessene Höhe gestemmt wird, zuversichtlich, mit energischer Bestimmtheit jedes erdenkliche Gewicht eines wie auch immer beschwerten Kriegers ertragen zu können,

vor einem Tisch,

einer breiten Platte aus dicken Brettern gefügt, die gehobelte Oberfläche reich übersäht mit den untrüglichen Spuren kulinarischen Dranges, lose auf stämmige Böcke gelegt, auf daß nach Speis' & Trank die Tafel um so leichter aufgehoben werden könne,

an eine Wand gelehnt,

massiv aus klobigen Steinen gesetzt, wacker von rauhen Maurerhänden in windige Höhen gezogen - zwei Unglückliche stürtzten sich damals zu Tode -, deren schäbiger Putz sich, krätzig blätternd zu Boden gefallen, mit dem ausgestreuten Häcksel vereinte, die sehnlichst den alljährlichen Frühjahrsputz erwartete, wenn endlich ihre schmalen Fensteröffnungen, winters mit strohgefüllten Lederkissen verstopft, strahlendes Licht & erfrischende Luft hindurch fließen lassen könnten, wenn die von rußenden Kienspanen geschwärzten Räumlichkeiten durch einen rettenden Putzmann, weisselnd mit erstaunlichem Putzmittel mehligen Kalkes, ausgeputzt würden,

neben einer Truhe,

einem geräumigen Möbel aus vergangenen Zeiten, aus eichenen Bohlen von geschmiedeten Eisenbändern zusammengehalten, mit abgewetzten Schnitzereien, die dennoch die ehemalige Pracht erschimmern ließen, in sich bergend den rostigen Rest seiner rastenden Rüstung; ein zerrissenes Kettenhemd, ein verbeulter Helm, ein zerhauener Schild, ein armseliger Waffenrock, als solcher eigentlich nicht mehr zu bezeichnen, künden mahnend von dem erbärmlichen Misserfolg der zuletzt ausgetragenen Fehde in der ritterlichen Nachbarschaft, als ob die quälenden Schmerzen seines fast gelähmten Armes nicht genügend Überverdruss bescheren würden,

gegenüber einer Tür,

die durch geschwungene Zargen eines gotischen Bogens über eine aus belagerungstechnischen Gründen bewegliche Leiter hinab in einen umfriedeten Vorhof führte, wo in dem Reet gedeckten Verhau eines dösenden Ackergaules aufgeregt gackernde Hühner unter den unablässigen Kommentaren meckernder Ziegen um ein bedauernswertes Kerbtier stritten, das sich tapfer in einem abgekauten Knochen des alten Wachhundes versteckt hielt,

unter einer Treppe,

die mit schmalen Stufen steil zum oberen Stockwerk anstieg, welches in zwei kleine Kammern - kärglich eingerichtet & auf die notwendigsten Schlafbedürfnisse zugeschnitten - unterteilt war, & die weiteren Zutritt auf eine darüberliegende, Zinnen bekrönte Plattform verschaffte, deren pultförmige Neigung aufgefangenes Regenwasser über ein langes Fallrohr in einem abgedichteten Behälter sammelte, der sich in mitten eines feuchten, kalten & lichtlosen Höhlenkellers befand,

in einem Turm,

der sich keck emporgereckt auf einem kissenartigen Felsen, selbst exponierter Ort einer entwaldeten Hügellandschaft, postierte, der auf der heiligen Burg der ritterlichen Tafelrunde nicht einmal als grausiges Verließ toleriert worden wäre, sich aber augenscheinlich als herrschaftlicher Stammsitz hervorzuheben anschickte,

mit griesigem Gram,

ob in letzter Zeit wiederholt auftretender Unverschämtheiten seitens einiger Besucher, Allen voran der fahrende Hufschmied, der jeden Monat mit hämischer Freundlichkeit beflissen seine unentbehrlichen Dienste bezüglich fachkundiger Reparatur beschädigten Rüstzeugs anbot, & auch immer handwerklich hochqualitativen Ersatz für hoffnungslos Zerstörtes herbei zu schaffen wußte, das furchtbar preiswert & verblüffend kostengünstig erworben werden könne, das ihn, den herrn Ritter, doch ausgesucht würdevoll erscheinen lassen würde & überaus standesgemäß selbstredend dazu & natürlich böte sich eine so einmalige Gelegenheit besonders selten,

& macht Gedanken sich gar schwerr:

"Was erlaubt er sich, der Vagabund, der grintige... Grad daß ich mir das Eisen für die Mähre leisten kann... das weiß er ganz genau, der Kriegsgewinnler, der scheinheilige, ... einem mittellosen Halbinvaliden gewichtige Waffen aufschmatzen... & erst dieser protzige Pferdebauer, der hundsmiserablige... schwätzt genauso daher... fachkundig... hoffnungslos... furchtbar preiswert... verblüffend kostengünstig ... ausgesucht würdevoll... überaus standesgemäß... einmalige Gelegenheit... besonders selten... Schnääähhhpchen... mit seinem Stalljungen, dem gestörten... wie die edle Gesellschaft beim fürnehmen Ausritt... Nase rauf wie meine Leibeigenen, die Saulumpen... weg... einfach ausgebüchst... das Heil in der Stadt suchen... oder noch besser: den Osten besiedeln & Freie werden... heidnische Slawen zum Christentum bekehren... Ordensritter... daß ich nicht lache... ritterliche Mönche segnen mit Feuer & Schwert... aber was bringt das Tal hier schon... der Nachbar hat wenigstens eine Straße mit einer Brücke über einen Bach... da kann er die Reisenden schön hähä... Schutzgeld nennt er den Wege-& Brückenzoll... solch ein Fuchs, ein schlaumeiriger... & ich... werde wohl meinen Acker selbst bestellen müssen... & handeln... & Geld verdienen... oder doch lieber raubrittern?"

Aus dem Augenwinkel heraus gewahrte er sein altes Mütterchen, das unverdrossen trotz der misslichen Lage seine Dienste tat. In gebeugter Haltung ernährte sie die züngelnden Flammen des gierigen Feuers mit kleinen Scheiten.

Sonst saß sie in der Nähe des wärmenden Herdes & flickte beharrlich zerrissenes Gewand, doch jetzt holte sie schweigend aus einem alten Sack, aufgehängt beim trocknenden Kamin, ein paar vorausschauend entrindete Scheiben altbackenen Brotes. Sie rückte den alten Schmalztopf an die heiße Glut, ein eiserner Kessel, in dem sich die gedrängte Winterübersicht aller übrig gebliebenen Fettsorten versammelte. Nun erweichte sie die krummen Schnitten in der allabendlichen frischen Ziegenmilch, nicht zu lang, daß sie nicht auseinanderfallen. Zuvor hatte sie sparsam gewürzt mit gerebelten Kräutern, ein paar Eier schlagend verrührt, in denen sie jetzt die vollgesogenen Brote, eins nach dem andern, vorsichtig wendete, um sie gleich in das siedende Fett zu geben.

Sehr bald fischte sie das goldgelbe Backgut aus der sprudelnden Hitze & eingeschlichtet in eine hölzerne Schüssel, stellte sie es vor ihm auf den leeren Tisch nebst einiger Überbleibsel Eingemachten, die sie auf einem rechteckigen Brettchen liebevoll arrangiert hatte.

 

 

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© 2002-2006 André Linke (Autor)

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